Samstagskolumne Peter J. König 03.05.2014

Die Ukraine-Krise vor der Entscheidung?

Während die Ukraine allmählich im Chaos versinkt, speziell im östlichen Teil und in der Perle des Schwarzen Meeres in Odessa die Brutalität und die Menschenverachtung auf die Spitze getrieben wurde, indem ultrarechte Hooligans, die erklärten, sie würden die Einheit der Ukraine verteidigen, während sie prorussische Demonstranten in ein Gewerkschaftsgebäude zusammen trieben, um es dann mit Molotowcocktails in Brand zu setzen, wobei etwa 40 Personen an Rauchvergiftungen ums Leben kamen, ergehen sich die Staatsführungen in Kiew und in Moskau in gegenseitigen Schuldzuweisungen. 

Täglich gibt es immer mehr Tote und nachdem die ukrainische Regierung jetzt auch den Einsatz der Armee im Osten befohlen hat, damit die abtrünnigen Städte und Provinzen wieder unter Kontrolle gebracht werden, ist die Lage aufs Äußerste gespannt. Jederzeit ist mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ost-Ukraine zu rechnen, da bedarf es nur eines kleinen Funkens in Form von getöteten russischen Staatsbürgern durch die ukrainische Armee oder schlimmer noch durch nationalistische Gruppen, die sich immer stärker in das Geschehen einmischen. Dann geht das Pulverfass in die Luft, der Krieg zwischen der Ukraine und Russland ist ausgebrochen. 

Zwar sind die gekidnappten OSZE-Beobachter erst einmal frei gekommen, aber darin ein Signal der Entspannung zu sehen, hieße die Lage gründlich zu verkennen. Diese Freilassung kann man auch gerade umgekehrt deuten. Russland ist nicht daran gelegen, dass den OSZE-Gesandten durch irgendeinen Zwischenfall etwas zustößt, gar dass sie getötet worden wären. Dies hätte ein Aufschrei in der ganzen Welt bedeutet, im Sicherheitsrat in New York wäre es zu massiven Anschuldigungen gegenüber Moskau gekommen und sie hätten den "Schwarzen Peter" auf ihrer Seite gehabt, an weitere subversive Aktionen wäre nicht mehr zu denken gewesen. Das Risiko, dass den OSZE-Beobachtern selbst ungewollt etwas zustoßen würde, war den Russen zu groß. Auf der anderen Seite bot sich hier aber eine gute Gelegenheit an, durch aktive Mithilfe bei der Befreiung sich ins rechte Licht zu rücken, um Deeskalationsbereitschaft zu demonstrieren, der Welt zu zeigen, wie bemüht Russland ist, den Konflikt zu bewältigen. 

Tatsächlich ist dies eine hilfreiche, mediale Geste um der Welt vorzuführen, dass von Moskau vermeintlich keinerlei Aggression ausgeht. Kein schlechter Schachzug der russischen Politik, die damit es bestens versteht von ihren eigentlichen Zielen abzulenken, ohne große Gegenleistungen dabei erbringen zu müssen. Die Reaktionen in den Medien zum Wochenende hin erinnern doch schon sehr an die Kriegshysterie, die vor hundert Jahren vor Beginn des Ersten Weltkrieges aufgekommen war. 

Wenn der Generalsekretär der NATO der Däne Rasmussen in einem sehr beachteten Interview erklärt, die Nato-Staaten müssten die Militärausgaben drastisch erhöhen, schließlich habe Russland die ihrigen zuletzt um 40% erhöht, während bei den meisten europäischen NATO-Mitgliedern die Ausgaben gesenkt worden seien, und damit sei die Bewältigung der Verteidigungsaufgaben gefährdet, dann stimmt das doch sehr nachdenklich. Dies klingt massiv nach Aufrüstung und ist immer die erste Stufe in Hinblick auf ein Kriegsszenario, auch wenn erklärt wird, dass aus der Position der Stärke sich besser verhandeln lässt.

Erfahrungsgemäß animiert ein solches Verhalten einen potentiellen Gegner ebenfalls noch stärker aufzurüsten, womit sich die Spirale der Kriegsgefahr automatisch signifikant erhöht. So etwas sollte tunlichst in der jetzigen Krise vermieden werden, deshalb war das Interview des NATO-Generalsekretärs alles andere als ein Beitrag zur Deeskalation und nicht besonders hilfreich die Russen zu überzeugen, sofort mit konstruktiven Bemühungen zu beginnen, um gemeinsam einen Bürgerkrieg in der Ost-Ukraine zu verhindern. 

Ob dies überhaupt gelingen wird, werden die nächsten Tage zeigen. Fakt ist, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, eine Lösung am Verhandlungstisch für den Ukraine-Konflikt zu finden und wie man bei der jetzigen Situation Ende Mai eine Parlamentswahl in der gesamten Ukraine abhalten will, an der sich die Menschen in allen Teilen des Landes beteiligen sollen, um einen gemeinsamen Präsidenten und eine allseits akzeptierte Regierung zu wählen, bleibt mehr als rätselhaft. Trotzdem wäre es in der jetzigen Phase besonders wichtig, wenn solche Wahlen zustande kommen würden, damit in Kiew eine Führung sich legitimiert, gewählt durch die gesamte Ukraine, die dann als legitimer Verhandlungspartner von allen Seiten, auch von Russland akzeptiert würde. Erst dann ließe sich über die Zukunft der Ukraine wirklich verhandeln, über die innerstaatlichen Angelegenheiten, in welcher Form das Staatsgebilde Ukraine die unterschiedlichen Interessenlagen der jeweiligen Regionen ausgleicht, d.h. wieviel Selbstverwaltung den einzelnen Landesteilen zugebilligt wird. 

Nur so kann es zu einer Befriedung zwischen der Ost- und der West-Ukraine kommen und wenn dann noch die wirtschaftlichen Bedingungen sich für alle Ukrainer nach und nach verbessern, ist der Wunsch des Ostens sich mit Russland zu vereinigen,  sehr bald "Schnee von gestern". Klar muss dabei sein, dass dieser Entscheidungsprozess nur ein inner-ukrainischer sein kann, jegliche Einmischung von außen gefährdet das gesamte Projekt. Wenn es anschließend darum geht, welche Rolle die Ukraine international einnehmen möchte, dann sind wieder die großen Blöcke gefragt. Als Verbindungsglied zwischen Russland und den europäischen Staaten wäre das Land, ausgestattet mit demokratischen Strukturen und auf der Basis der Rechtsstaatlichkeit bestens geeignet, einen wertvollen Beitrag zum Frieden in Europa zu leisten. 

Auch wirtschaftlich würde sich dies für die Bürger der Ukraine auszahlen, was wiederum für den Zusammenhalt des Landes von Vorteil wäre. Theoretisch sind die hier angestellten Überlegungen nicht von der Hand zu weisen, so etwa könnte eine vernünftige Lösung aussehen. Dies würde voraussetzen, dass alle Konfliktparteien bereit wären, der Ukraine in seiner jetzigen Form noch eine Chance zu geben. Bekanntlich aber ist alle Theorie grau und guter Wille nicht überall vorhanden und schon gar nicht überall deckungsgleich. Deshalb bleibt allein die Hoffnung, dass sich doch noch die Vernunft durchsetzen und es so zu einer praktikablen Lösung des Konflikts kommen wird, in Form eines vernünftigen Ausgleichs zwischen den unterschiedlichen Ethnien, aber auch den verschiedenen Wirtschaftsstrukturen des Landes. 

Sollte dies allerdings nicht der Fall sein, und danach sieht es momentan leider aus, dann erwartet die Ukraine und ihre Menschen eine ganz schlimme Zeit und sollte Russland sich gar entscheiden in die Ukraine einzumarschieren, dann werden auch durch die darauf folgenden harten wirtschaftlichen Sanktionen und ihre Folgen besonders für die europäischen Staaten und ganz besonders für Deutschland deutlich spürbare Belastungen entstehen.

Peter J. König

Samstagskolumne Peter J. König 26.04.2014

Neue Eskalation in der Ost-Ukraine. Wo ist das Ende? 

Leider hat sich die Lage in der Ost-Ukraine so zugespitzt, dass zweifellos von einer besonders gefährlichen Situation gesprochen werden muss, so gefährlich wie man sie zwar vor vierzehn Tagen vielleicht erahnen mochte, aber nicht wirklich realistisch eingeschätzt hat. Hauptsächlich scheint man bei den westlichen Regierungen nicht davon ausgegangen zu sein, dass Putin Ernst machen würde, mit seiner expansiven imperialen Politik, um mit Hilfe russischstämmiger Bürger in den ehemaligen Sowjet-Republiken, diese neuen unabhängigen Staaten zu destabilisieren, um so, wenn nicht gleich wie auf der Krim sie zu annektieren, dann aber doch direkten massiven Einfluss zu gewinnen. 

Die sogenannten Boykottmaßnahmen, die von den USA und den Europäern nach der Krimeingliederung gegenüber Russland erhoben wurden, zeigen deutlich, dass die westlichen Führer den Ernst der Lage nicht erkannt, oder ihn zumindest unterschätzt haben. Ihnen war nicht klar, wozu Putin in der Lage ist, denn mit ein paar Einreiseverboten und Kontensperrungen lässt sich ein Mann von dem Kaliber eines Putin auf dem Weg zum Höhenrausch gesteuerten Machtmenschen nicht sonderlich beeindrucken. Die positive Resonanz seines Handelns im eigenen Land wirkt auf ihn dazu noch wie ein Brandbeschleuniger.

Die überwiegend unaufgeklärte Durchschnittsbevölkerung erliegt zudem der medialen Propagandamaschinerie in den offiziellen russischen Medien. Sie verbreiten den vom Kreml vorgegebenen Kurs, die objektive Berichterstattung ist in Russland so gut wie nicht mehr vorhanden, dafür hat Putin schon seit längerem gesorgt. Die freie Meinungsäußerung in den Publikationsmitteln wurde mit aller Macht unterdrückt, sei es durch den Mord an unliebsamen Journalistinnen und Journalisten, sei es durch das Verbot von freien Zeitungen oder Fernsehsendern. Bei den Nazis nannte man so etwas: die Gleichschaltung der Presse.

In Russland heißt das: Kampf gegen die antirussische, vom Westen unterwanderte Hetzpresse, die das freie Russland destabilisieren soll. Allein diese Entwicklung hätte im Westen für ein massives Aufhorchen sorgen müssen, und dies schon seit geraumer Zeit. Doch nichts ist passiert. Die Bundesregierung hat durch ihren Sprecher zwar die Pressefreiheit in Russland angemahnt, aber ansonsten hat man sich versteckt, zu verlockend schienen die Geschäfte mit Russland sich zu entwickeln. Die immer größer werdende Abhängigkeit von russischem Öl und Gas schien auch keinen sonderlich zu beunruhigen, Altkanzler Schröder ist ja eng mit dem"lupenreinen Demokraten" Putin befreundet, was soll uns da  in Deutschland passieren. 

Den Vogel hat Geschäftemacher Schröder jetzt auch noch zum Wochenende abgeschossen, als er auf einer pompösen Nachfeier zu seinem  siebzigsten Geburtstag in St.Petersburg als Ehrengast seinen lieben Freund und Gönner Vladimir auf`s Herzlichste empfangen hat, während sein früherer Kanzleramtschef und heutige Außenminister Steinmeier durch die ehemaligen GUS-Staaten jettet, um ihnen den Beistand der EU gegenüber Putins Expansionspolitik zu versichern. Mit der Zurückhaltung eines "Elder Statesman" hat so etwas aber überhaupt nichts zu tun, dies ist einfach nur instinktlos, oder aber grenzenlos boniert. 

Die hohe Politik muss sich darüber im Klaren sein, dass die Vorgänge in der Ost-Ukraine lediglich ein Versuchsballon für Putin darstellt. Er will hier testen, ob das System der militärischen Unterwanderung sich ähnlich wie schon auf der Krim ohne großen westlichen Widerstand durchsetzen lässt. Dass die westliche Allianz sich militärisch in der Ukraine engagieren wird, dies stand von vorne herein nicht zur Debatte, einen Krieg um die Ukraine würde es nicht geben, das war Putin klar. 

Deshalb konnte er auch relativ gelassen seine Eliteeinheiten auf ost-ukrainisches Territorium schicken, vermummt und ohne Hoheitsabzeichen, was eh völkerrechtswidrig ist. Das Argument, damit die russischstämmige Bevölkerung vor rechtsradikalen Pogromen aus Kiew zu schützen, ist völlig absurd und schon aus dem Grund abwegig, da der überwiegende Teil der Bevölkerung dort entweder russischer Abstammung oder zumindest prorussisch orientiert ist. Zudem ist es Aufgabe der souveränen ukrainischen Polizei solche Ausschreitungen zu unterbinden, falls sie tatsächlich vorgekommen wären. De facto ist jedoch die Ordnungsmacht in der Ost-Ukraine durch russische Eliteeinheiten entmachtet worden, indem sie Polizeireviere gestürmt und die Polizisten entwaffnet haben. Straßenmob, von russischen Agenten angeheuert und von russischen Militärs mit Waffen ausgerüstet, sind die neuen Herren im Land. 

Sukzessive werden militärische ukrainische Einrichtungen belagert und angegriffen, Straßensperren errichtet und westliche Militärbeobachter einer OSZE-Mission, bei der auch vier deutsche Offiziere teilgenommen haben, wie Banditen gekidnappt, um sie später gegen pro-russische Terroristen auszutauschen. Eine rechtliche Grundlage für diese Vorgänge gibt es nicht, allein die starken russischen Verbände, die unmittelbar hinter der ukrainisch-russischen Grenze stehen, ermöglichen diese Gewaltakte. Um den Russen keinen Vorwand zum Einmarschieren zu geben, hat die Übergangsregierung in Kiew auf ein militärisches Eingreifen verzichtet, und wenn eine Straßenblockade einmal mit Gewalt aufgelöst wurde, war sie nach Abzug des ukrainischen Militärs sofort wieder errichtet worden. Dabei hatten sich alle Konfliktparteien in Genf auf einem Gipfel zu friedensstiftenden Maßnahmen und zur Deeskalation verpflichtet, einschließlich der Russen, Europäer und Amerikaner. 

Faktisch ist dieses Übereinkommen aber nicht einmal das Papier wert, auf dem es gedruckt worden ist. Die russischen Provokationen werden systematisch fortgeführt, denn Putin will wissen, wie weit er gehen kann. Außerdem wird er seine klammheimliche Freude daran haben, die relative Ohnmacht der westlichen Staaten zu beobachten, besonders da er Obama offensichtlich dadurch die Stirn bieten kann. Putin glaubt so seinem Ziel, ein wieder erstarktes Russland, mit einer Einfluss Sphäre, ähnlich wie zu Zeiten der Sowjet-Union endlich erneut näher zu kommen. Er versucht mit allen möglichen Mitteln, sich den Traum von der imperialen Weltmacht zu erfüllen. 

Dass dies nicht ohne ein gefährliches Risiko vonstatten geht, zeigt das Beispiel des 1. Weltkrieges, das sich am 1.August zum hundertsten Mal jährt. Damals hat die Ermordung des österreichischen Erzherzog Franz-Ferdinand und seiner Gattin in Sarajewo nicht nur einen Krieg zwischen Österreich und Serbien ausgelöst, sondern zu einem Weltbrand geführt, bei dem Dreiviertel der Menschheit mit insgesamt über 40 beteiligten Staaten sich im Kriegszustand befanden, dabei 10 Millionen, meist junger Menschen das Leben kostete, alte Dynastien hinweg fegte und letztendlich einen ganzen Kontinent traumatisiert zurück ließ. Der daraus resultierende 2. Weltkrieg folgte mit noch schlimmeren Ereignissen, auch den Holocaust darf man dabei nicht vergessen. Deshalb ist es besonders wichtig, bei der Beurteilung der heutigen Lage, sich die Tatsachen aus der Vergangenheit bewusst zu machen. 

So wie die damaligen Herrscher keinen Krieg in Europa gewollt haben, so will auch heute kein verantwortlicher Politiker eine militärische Auseinandersetzung, auch Putin nicht, zumal seine potentielle Kraft begrenzt und seine technische Ausrüstung veraltet ist. Trotzdem muss klar sein, dass Putin ein Machtmensch ist, der bereit ist jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um seine Ziele zu erreichen. Die Zurückhaltung des Westens wird er nicht als das verstehen, wozu es eigentlich dienen soll, nämlich den Konflikt in der Ukraine mit friedlichen Mitteln auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Mit den Aktionen zur Destabilisierung versucht er so etwas wie einen Geländegewinn, um im Vokabular früherer Militärs zu bleiben, damit man sich etwas einverleiben kann, oder aber zumindest größere Verhandlungsmasse hat, wenn es doch darum geht die Einfluss-Sphäre abzustecken. Dass so etwas auch schief gehen kann, zeigt gerade das Beispiel des 1. Weltkrieges ganz deutlich. 

Damit es nicht soweit kommt, muss jetzt unbedingt ein Strategiewechsel herbei. Die westliche Allianz muss neben verstärkten Verhandlungsoffensiven durch strikte wirtschaftliche empfindliche Boykottmaßnahmen zeigen, dass die Zeit des laschen Handelns vorbei ist, denn es kann ja nicht angehen, dass russische führende Politiker die bisher getroffenen Maßnahmen als harmlos und unbedeutend bezeichnen und dies auch so meinen. Dies klingt wirklich nicht nach westlicher Entschlossenheit. Putin weiß genau, dass konsequente wirtschaftliche Maßnahmen gegen ihn auf Dauer ihm nur schaden werden und dass danach Russland sehr viel mehr geschwächt sein wird, als sie es heute sind, mit aktiven Handelsbeziehungen besonders zu Europa. Von hier und aus den USA braucht das Land technische Erneuerungen, moderne Infrastruktur und entsprechendes Know-how. 

Von Öl und Gas alleine werden die Russen nicht satt werden, aber hauptsächlich fehlt ihnen der technologische Quantensprung, der notwendig ist, um wieder zu den führenden Weltmächten zu gehören, eben jenem Traum, den Putin so gerne in die Wirklichkeit umsetzen würde. Dies ist aber nur möglich, wenn er die Chance zur Kooperation erneut sucht und sich nicht in Konfrontation verstrickt. Dies Herrn Putin klar zu machen, ist die dringende Aufgabe der Stunde. Dazu gehören die entsprechenden konsequenten Maßnahmen, wie soeben besprochen, aber auch eine gemeinsame Haltung aller Westmächte, ohne Ansicht ihrer persönlichen wirtschaftlichen Vorteile. Es muss doch möglich sein, aus Europa einen friedlichen Kontinent zu machen, nachdem so vielfach schmerzhaft klar geworden ist, dass wir nur miteinander in Frieden gute Lebensbedingungen schaffen können, ansonsten aber einer sehr ungewissen Zukunft entgegen gehen. 

Peter J. König

Samstagskolumne Peter J. König 05.04.2014

Hat die Ukraine die Chance als Staat in der bestehenden Form weiter zu existieren oder wird es zu einem Zerfall kommen?

Da mittlerweile mehrere Wochen in der Krise um die Ukraine ins Land gegangen sind, wird es Zeit, sowohl eine Bestandsaufnahme durchzuführen, als auch eine Prognose zu wagen. In welch atemberaubenden Tempo Russland die Krim annektiert hat, mit welchen Mitteln Putin dabei vorgegangen ist, ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Verbindlichkeiten, hat den erfahrenen Beobachter mehr als verblüfft. Genau so erschreckend war die Hilflosigkeit der Ukraine selbst, aber auch die Unfähigkeit der Europäischen Länder geschlossen, mit einer Erfolg versprechenden Strategie darauf zu antworten. Grundsätzlich sind folgende Anmerkungen zu der Krim zu machen: Ursprünglich wohl russisches Kernland, nachdem Katharina die Große, dieses Tartaren Gebiet dem großrussischen Reich durch Eroberung angegliedert hat, wurde von Nikita Chrustschow, dem damaligen Kreml-Führer die Krim im Zuge eines großzügigen Akts der Sowjet-Republik Ukraine Anfang der 1950iger Jahre zugewiesen. 

Völkerrechtlich dürfte dies kein Problem gewesen sein, denn diese Angliederung fand auf dem Territorium der damaligen Sowjet-Union statt. Erst mit dem Zerfall dieses Machtblockes und der Tatsache, dass danach unabhängige Staaten aus den ehemaligen Sowjet-Republiken entstanden sind, mit all den hoheitsrechtlichen Voraussetzungen, die einem souveränen Staat eigen sind, ist für die Ukraine relevant. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine, der Anerkennung durch Russland, auch was das Staatsgebiet anbetrifft, einschließlich der Krim, ist das territoriale Gebiet völkerrechtlich klar definiert und ist damit Teil der Ukraine. Dies wurde auch dadurch bestätigt, dass die Basen der russischen Schwarzmeerflotte durch einen regulären Pachtvertrag mit dem ukrainischen Staat auf 25 Jahre vereinbart worden ist. 

Was jetzt in den letzten Wochen auf der Krim sich abgespielt hat, fällt eindeutig in die Kategorie Völkerrechtsverletzung. Nicht nur das Einmarschieren bewaffneter Truppen, deren Zugehörigkeit offiziell nicht erkennbar war, da sie keine Hoheitszeichen trugen, ist dennoch eine Grenzverletzung, da sie von Russland auf die Krim geschickt worden sind. Rechtlich wäre es legitim gewesen, wenn die ukrainischen Polizeikräfte auf der Krim diese Okkupanten mit Mitteln der Gewalt dingfest gemacht hätten, schließlich haben sie nicht nur die öffentliche Ordnung und Sicherheit verletzt, sondern auch die gewählten Abgeordneten des Regionalparlaments bedroht, sodass diese Reißaus genommen haben. Das Eingreifen der Polizei wäre rechtsstaatlich opportun gewesen, faktisch aber nicht durchführbar, da sie den Panzern und der Truppenstärke hoffnungslos unterlegen waren. 

Selbst wenn ukrainisches Militär aufgefahren wäre, hätte das Kräfteverhältnis für die Ukraine außerordentlich schlecht ausgesehen. Dies hatten die russischen Militärs genau auskalkuliert, denn chancenlos gegen sie eine militärische Gegenaktion zu starten, dies trauten sie den ukrainischen Generälen auf der Krim in keinem Fall zu, wo man auch noch gemeinsam die sowjetische Generalstabsschule absolvierte. Folglich hatten die russischen Besatzer nichts zu fürchten, denn ein Krieg zwischen der Ukraine und Russland wäre der größte anzunehmende Gau gewesen, der Osteuropa hätte passieren können. 

In der Folge wurde binnen einer Woche ein Referendum über den Verbleib der Krim bei der Ukraine oder dem Anschluss an Russland organisiert. Internationale Wahlbeobachter waren bei diesem Urnengang nicht zugelassen. Zudem hat die russisch-stämmige Bevölkerung massiv auf Menschen vor Ort Druck gemacht, mit groß angelegten prorussischen Demonstrationen sollten die Befürworter für den Verbleib bei der Ukraine eingeschüchtert werden. Am Wahltag selbst soll es auch zu Unregelmäßigkeiten bei der Wahl gekommen sein, vor den Wahllokalen der Krimtataren, traditionell mit Kiew verbunden, kam es vermeintlich zu massiven Behinderungen. 

Entsprechend fiel das Ergebnis aus, denn mit angeblich überwältigender Mehrheit sollen sich die Wähler für den Anschluss an Russland entschieden haben. Ist diese Wahl nun völkerrechtlich verbindlich oder nur ein erneuter Versuch von Manipulation, wie man sie aus den Tagen der alten Sowjet-Union regelmäßig vorgeführt bekam? Tatsächlich hatte dieser Urnengang nichts mit einer freien Wahl zu tun, wie sie das internationale Völkerrecht vorschreibt. Nachdem das gewählte Regionalparlament unter dem massiven Militärdruck das Weite gesucht hatte, wurde es von selbsternannten politischen Führern als aufgelöst erklärt. Natürlich handelte es sich bei diesen neuen Machthabern um Vasallen von Putins Gnaden, die sich der russischen Militärhilfe sicher sein konnten. 

Die Personen selbst sind von obskurer Herkunft, politisch waren sie zuvor nie in Erscheinung getreten. Sie waren es auch, die Putin baten in die russische Föderation aufgenommen zu werden, um so die russischen Bewohner auf der Krim zu schützen, vor den vermeintlichen Übergriffen der rechtsradikalen Schlägerbanden aus Kiew. Putin entsprach diesem Wunsch auch prompt, verlangte aber dieses ominöse Referendum, um der Welt vorzugaukeln, dass der Anschluss der Krim völkerrechtlich einwandfrei vonstattengegangen ist. Weder die Wahlen waren korrekt, noch hat es überhaupt eine völkerrechtliche Legitimation dazu gegeben. So schnell wie die Besetzung der Krim durchgeführt wurde, ist dann auch die Annexion zustande gekommen. 

Beide Kammern der Duma, dem russischen Parlament haben wenige Tage nach der Scheinwahl und dem Anschlussersuchen mit nur einer Gegenstimme diesen Antrag gebilligt und schon war die Krim wieder russisch. Die Bewohner erhielten russische Pässe, der Rubel wurde zum offiziellen Zahlungsmittel erklärt, Putin hat die Renten verdoppelt und dem ukrainischen Militär klar gemacht, entweder die russische Uniform anzuziehen oder die Krim in wenigen Tagen zu verlassen, wenn sie nicht eingesperrt werden wollten. So sieht eine unblutige Okkupation aus, die aber mit dem Völkerrecht überhaupt nichts zu tun hat. 

Die UN hat dies auch mit überwältigender Mehrheit angeprangert, ja selbst China hat sich diesem Antrag nicht entgegengestellt. Man fragt sich nun, was haben die Europäischen Staaten und die USA während dieser vierzehntägigen Aktion um die Krim unternommen, um ihre Garantien für die gesamte Ukraine zu erfüllen, die sie einst mit Russland gemeinsam abgegeben haben, damit die dort stationierten Atomwaffen verschrottet werden konnten? Außer ein paar wachsweichen Appellen an Putin, das Militär von der Krim abzuziehen, war von den westlichen Regierungen nichts zu hören und zu sehen. Putin musste gar den Eindruck haben, man hat sich weltweit mit seiner Krim-Aktion abgefunden, große politische Zerwürfnisse würden deshalb nicht entstehen.

Dies änderte sich erst, als auch noch massive Truppenbewegungen in Richtung ukrainisch-russische Grenze einsetzten und in der Ostukraine, ähnlich wie zuletzt auf der Krim prorussische Demonstrationen stattfanden, bei denen ebenfalls der Beitritt zu Russland gefordert wurde. Außerdem gab es handfeste Auseinandersetzungen zwischen diesen Demonstranten und der ukrainischen Polizei, sodass mit einem möglichen Einmarsch der an der Grenze stationierten russischen Truppen gerechnet werden konnte. Dies ließ die westlichen Staaten im ehemaligen Ostblock, wie Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei, aber auch die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen nicht mehr ruhig schlafen. Wenn sie in der Nato waren, forderten sie verstärkte Sicherheitsmaßnahmen gegenüber Russland. Jetzt erst begann so etwas wie ein Strategiewandel gegenüber Putin. 

Von wirtschaftlichen Sanktionen der EU und den USA war die Rede und Russland wurde bei dem soeben stattgefundenen Gipfel der stärksten Wirtschaftsnationen, ehemals G8, nicht eingeladen. Jetzt erst zeigten sich erste wirtschaftliche Reaktionen, die das Land empfindlich trafen. Binnen weniger Tage wurde Kapital von an die hundert Milliarden Euro aus Russland transferiert, Investitionen größeren Ausmaßes wurden von ausländischen Unternehmen gestoppt. Zur Modernisierung braucht das Land unbedingt westliches Know-how und ebenso Kapital. Außerdem werden industrielle Güter aus den europäischen Staaten, allen voran aus Deutschland und Frankreich, aber auch aus den USA benötigt. 

Die lebensnotwendigen Devisen erhält Russland durch Export von Öl und Gas, wenn es hier zu Lieferausfällen kommen würde, weil die westlichen Staaten einen Boykott beschließen, wäre Russland in kürzester Zeit pleite, mit unabsehbaren Folgen für das Land und die Menschen. Zwar hätten die meisten Länder in Europa ebenfalls ein Problem mit der Energieversorgung, diese ließen sich aber mit Hilfe der USA und den Golfstaaten lösen. Dass es mittlerweile zu ersten Verhandlungen zwischen Russland und den USA auf der Ebene der beiden Außenminister gekommen ist, zeigt, dass Putin anfängt seine Haltung zu überdenken, zumindest was die Ostukraine betrifft. 

Zwar fordert Obama weiterhin die Herausgabe der Krim an die Ukraine, aber realpolitisch läuft da nichts mehr, für einen langen Zeitraum wird die Krim zu Russland gehören. Und noch ein Faktor dürfte mit ausschlaggebend sein, dass der russische Präsident seine Träume, ein großrussisches Reich à la Sowjet-Union zu errichtet, zügelt. Es sind die Oligarchen unter seinen Freunden, die fürchten, dass ein Wirtschaftsboykott ihnen massiv schaden wird, da im Ernstfall Hunderte von Milliarden Euro, Dollar und Pfund Sterling, die sie in den westlichen Ländern deponiert und investiert haben, vielleicht zwar nicht verloren, aber zumindest für den Zeitraum des Boykotts blockiert wären und Ihnen nicht zur Verfügung stünden. 

Dieses würde die Herren schon mächtig verärgern, was bedeutet ihnen dazu im Gegensatz die Ostukraine, die ja eh wirtschaftlich von wenigen ukrainischen Oligarchen beherrscht wird. Momentan verharrt der Konflikt in abwartender Haltung, wobei davon auszugehen ist, dass hinter den Kulissen eifrig gepokert wird. Putins Popularität im eigenen Land ist durch die Annektierung der Krim sprunghaft angestiegen, momentan ist er so stark wie selten zuvor. Sein früherer Plan einer Wirtschaftsunion mit der Ukraine ist in weite Ferne gerückt, denn es ist davon auszugehen, dass nach den Präsidentschaftswahlen im Mai in Kiew, der neue Präsident oder die neue Präsidentin die Ukraine näher an die EU führen wird. Störfeuer gegen diese Entwicklung sind seitens Putin immer noch jederzeit möglich. Ob dann noch das Land in der gleichen Form bestehen wird hängt davon ab, welche Integrationsbemühungen zwischen den ethnischen Gruppen im Osten der Ukraine gelungen sind und wie mit Russland geklärt worden ist, ob die NATO bis an die südwestlichen Grenzen Russlands sich ausdehnen kann oder ob sich die Ukraine als ein Bindeglied zwischen der EU und Russland versteht und auf eine Mitgliedschaft in der NATO verzichtet. 

 Peter J. König