Samstagskolume Peter J. König, 28.1. 2012

Marcel Reich-Ranicki erinnert uns daran, niemals zu vergessen.

Gestern war ein denkwürdiger Tag und zwar für alle von uns, die nicht vergessen wollen, die bereit sind, sich mit dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte immer wieder auseinanderzusetzen, die bereit sind an die vielen Millionen von Juden zu erinnern, die auf die grausamste Weise von uns Deutschen ermordet wurden, nachdem man sie in Konzentrationslager verschleppt, sie ihrer Habe beraubt und ihr Eigentum sich als Beute einverleibt hatte.

Gestern, am Freitag, den 27.1.2012, sprach der von meiner Frau und mir so hochverehrte Marcel Reich-Ranicki vor dem deutschen Bundestag zum jährlichen Gedenken für die Opfer der Nationalsozialisten. Gleichzeitig ist es auch der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz. Dieses Gedenken jährt sich zum 70. Male.

Meine Frau und ich haben das zutiefst beeindruckende Zeitdokument mit stiller Ergriffenheit in der ZDF Mediathek http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1553354/Reich-Ranicki-Nur-einen-Zweck%252C-den-Tod?bc=sts;suc#/beitrag/video/1988176/Komplette-Rede-am-Holocaust-Gedenktag auf dem Notebook verfolgt, zumal wir mit Herrn Reich- Ranicki seit vielen Jahren gedanklich verbunden sind, sein nimmermüdes Ringen um die Literatur voll Bewunderung verfolgt haben und ihn als einen Menschen verehren, der trotz des unendlichen Leids, das er und seine Frau Theophila erleiden mussten, zur Aussöhnung mit uns Deutschen bereit war und sich ein Leben lang mit den Geistesgrößen aus Literatur, Kunst und Musik, die die Deutschen hervorgebracht haben, beschäftigt hat und zwar auf eine zutiefst inbrünstige Weise, voll von Verehrung und Leidenschaft.


Marcel Reich-Ranicki sprach über die Stunden, da er als unmittelbar Betroffener die Entscheidung der SS-Schergen entgegennehmen musste, die den Tod der jüdischen Menschen, die im Warschauer Ghetto zusammengepfercht worden waren, zur Folge haben sollte.


Dass er diese Gräuel überlebte, hat auch damit zu tun, dass er die deutsche Sprache liebt, schließlich war er in Berlin zur Schule gegangen.


Da saß er nun am Rednerpult des deutschen Bundestages, körperlich vom Alter gezeichnet, aber das Bewusstsein ausstrahlend, dass er bis zum Ende seines Lebens die so wichtigen Erinnerungen an die abartigen Geschehnisse jener Zeit in der Öffentlichkeit wachhalten würde, damit sich niemals wiederholt, was im Namen des deutschen Volkes an mörderischen Verbrechen an Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgten, Kranken, Verschleppten aus allen Ländern Europas und der ganzen Welt, Homosexuellen und andersdenkenden Personen begangen worden ist.


Alle diese Opfer waren nun vereint in der Person dieses alten Mannes, der selbst auch seine Eltern und seinen Bruder durch den Holocaust verloren hat. Sie alle blickten in die Stille des Plenarsaales des deutschen Bundestages, ihre Seelen weilten spürbar an diesem Ort. Marcel Reich-Ranicki hatte sie alle hierher mitgenommen, nicht um anzuklagen, sondern um zu erinnern.


Über Jahrzehnte verfolge ich die Sitzungen des Parlaments. Noch nie habe ich eine derartige Ergriffenheit bei den Parlamentariern erlebt. Ihre Trauer war körperlich wahrnehmbar. Es war ein bedeutender, außerordentlicher Moment in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.


 Marcel Reich-Ranicki
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Foto: Helga König
Wir haben einige Begegnungen mit Herrn Reich- Ranicki erleben dürfen, sei es in seiner Fernsehsendung „Das literarische Quartett“ im ZDF am Lerchenberg, sei es in Wiesbaden als er seinen „Kanon“ vorstellte oder bei einer Lesung seiner Biographie im Goetheinstitut in Frankfurt/Main, sowie auch zuletzt im Literaturhaus in Frankfurt/Main, wo er über das Werk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch mit anderen Kritikern sprach.


Nie hatte ich eine solch emotionale Tiefe bei ihm erlebt, wie jetzt bei dieser Erinnerungsstunde, zumal er auch noch an die Eheschließung mit seiner geliebten „Tosia“ erinnerte, ein Akt, der ihr quasi in letzter Minute das Leben rettete, da Ehefrauen von Mitgliedern des Judenrates des Warschauer Ghettos vorerst am Leben gelassen wurden.


Mit dieser Eheschließung konnte ihre sofortige Deportation aufgeschoben werden. Durch seine perfekten Deutschkenntnisse war Marcel Reich als Übersetzer und Protokollführer für den Judenrat im Ghetto tätig, ein Umstand, dem er sein Leben und das Leben seiner erst kürzlich verstorbenen Frau verdankt. All dieses war ihm in diesem Moment präsent und er trug sichtbar schwer daran.


Wir Deutschen aber brauchen diese besonderen Momente. Wir müssen sie in die Öffentlichkeit tragen, für uns, für unsere Zukunft, aber auch um den Menschen in der ganzen Welt zu zeigen, dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben, dass so etwas niemals mehr geschehen darf, weder bei uns noch sonst irgendwo auf der Welt.

Wir haben allen Grund uns große Sorgen um die Geschehnisse der Vergangenheit zu machen. Dies zeigen die Ereignisse um die wiedererstarkten Aktivitäten von Neonazis, die Morde dieser braunen Pest an unschuldigen türkischen und griechischen Mitbürgern und die  Unterwanderung ganzer Landkreise in Mecklenburg-Vorpommern durch dieses hirnlose Gesindel. Hier hat eindeutig das Erinnern versagt.

Große Anstrengungen müssen unternommen werden, damit das Rad der Geschichte niemals mehr zurückgedreht werden kann. Hier darf es keinerlei Toleranz oder Nachlässigkeiten geben, hier müssen wir alle in Deutschland einen klaren Standpunkt beziehen: Null Kompromisse mit einem irgendwie gearteten Nazitum.

Dass eine kürzlich vorgestellte Studie nach jahrelanger Recherche besagt, dass etwa 20% unserer Bevölkerung mit der nationalsozialistischen Ideologie sympathisiert, macht nicht nur wütend, sondern auch sehr traurig, besonders beim Anblick dieser Bilder aus dem Reichstag.

Weshalb lernen diese Menschen nichts aus unserer Geschichte?

Jetzt möchte ich den Fokus auf einen anderen Bereich dieser Erde richten und zwar auf die beiden Länder am südlichen und südöstlichen Rand des Mittelmeeres, Syrien und Libanon. In Syrien lässt ein Despot die Menschen der eigenen Bevölkerung ermorden, Menschen, die es satt haben, von einem kaltblütigen Herrschaftsclan unterdrückt, ausgeraubt und gefoltert zu werden. Deshalb widersetzen sie sich Assad und seiner Clique und sind notfalls auch bereit einen Bürgerkrieg zu riskieren.


Der gelernte Augenarzt Assad, immerhin hat er in Großbritannien ein Medizinstudium absolviert, jedoch dabei wenig über Menschenrechte verinnerlicht, lässt mit Panzern auf die Zivilbevölkerung schießen. Dabei sind schon Tausende von Opfern zu beklagen. Vergeblich hat die „Arabische Liga“, die Organisation aller arabischen Staaten versucht zu vermitteln, um das Land zu befrieden.

Sanktionen gegen Syrien sind im Sicherheitsrat der UNO gescheitert, da Russland ein Veto eingelegt hat. Dabei muss man wissen, dass die Russen Waffen im großen Stil an Assad verkaufen, was die Gegend politisch auch nicht stabiler werden lässt, zumal Israel nicht weit entfernt liegt und es sich hierbei um das Einflussgebiet der amerikanischen Hemisphäre handelt.

Der sogenannte „Nahe Osten“ ist bekanntermaßen ein höchst instabiles politisches Gebilde, zumal die Interessen der Länder USA, Russland und auch China unmittelbar aufeinander treffen. Zudem mischen die Iraner hinter den Kulissen eifrig mit. Es geht um Öl, der Treibstoff an dem alle Mächte dieser Erde größtes Interesse haben. Dies ist der Grund, weshalb Assad noch immer an der Macht ist und nicht schon längst von den Revolutionsideen die um das südliche Mittelmeer wehen, auf Nimmerwiedersehn im Orkus der Geschichte verschwunden ist. Die Lage vor Ort bleibt gefährlich. Viel Dynamit hat sich dort angesammelt.


Eine Meldung aus Libyen hat mich doch gestern sehr nachdenklich gemacht. Die humanitäre Vereinigung „Ärzte ohne Grenzen“ spricht von Folteraktionen seitens der Aufständischen an ehemaligen Gaddafi-Soldaten. Es soll sich keineswegs um Einzelfälle handeln, so dass ein Ärzte-Team das Land bereits verlassen hat. Sie hatten immer wieder vergeblich auf diese Übergriffe aufmerksam gemacht und bei der lybischen Übergangsregierung interveniert.


Auch hier lernen die Menschen leider nichts. Sie sähen Gewalt und werden in der Folge erneut Gewalt ernten. Sie müssten sich doch noch bestens an die gefolterten Leichen erinnern, die sie erst kürzlich als Folge dieses Unmenschen Gaddafi beerdigt haben.


Zum Schluss noch einen Blick nach Davos in der Schweiz. Hier trafen sich in der vergangenen Woche die hochkarätigsten Politiker, Wirtschaftsführer und Geldmagnaten zu dem alljährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforum. Zu Tausenden treffen sich die Wichtigen dieser Erde in dem noblen Wintersportort. Dabei muss es zugehen wie in der Legebatterie einer Hühnerfarm, denn jeder dieser wichtigen Persönlichkeiten reist nicht nur mit dem Ehepartner, sondern auch mit entsprechender Entourage an. Bodyguards füllen ganze Hotelkomplexe. Es soll auch recht lustig in den Nächten zugehen, da viele Partys gefeiert werden, damit nach anstrengenden Meetings und guten Geschäftsabschlüssen man auch mal „die Sau“ rauslassen kann.


Immerhin scheint man auch einmal darüber nachgedacht zu haben, dass es mit der alles vereinnahmenden Profitgier nicht mehr so weiter gehen kann. Dem einen oder anderen dieser Globalisierer scheint klar geworden zu sein, dass die Entwicklung brenzlig werden könnte, dass quasi die Gier sich selbst auffrisst. Letztlich ist damit ja keinem gedient, am wenigsten ihnen selbst.


Es wird spannend sein, zu erfahren wie man uns demnächst die neue Bescheidenheit verkaufen wird. Bestimmt wird man raten, dass das Volk schon gleich einmal damit anfangen soll.

Peter J. König





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