Samstagskolumne Peter J. König 01.03.2014

Stehen wir am Vorabend des Dritten Weltkrieges oder wird die Vernunft doch noch siegen?

Es war nur ein kurzes Glücksgefühl, das die Menschen in Kiew auf dem Majdan und in der Westukraine erleben durften. Kaum waren die wehrlosen Opfer der Scharfschützen des Innenministeriums auf dem Unabhängigkeitsplatz in ihren offenen Särgen durch eine vieltausendfache Menge von Trauernden hindurch getragen worden, da trifft das Land eine noch weit größere Bedrohung, dessen Ausmaß aktuell nicht übersehen werden kann. 

Jederzeit ist es möglich, dass Putin einen Krieg gegen die Ukraine führt, militärisch, seine Propagandaoffensive hatte ja bereits unmittelbar nach dem Verschwinden Janukowitschs begonnen. Unter dem Vorwand die russischstämmige Bevölkerung vor rechtsradikalem Terror schützen zu müssen, der von der neuen Übergangsregierung systematisch auf der Krim und in der Ostukraine betrieben würde, hat er Soldaten, gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber aus Russland zu den russischen Stützpunkten der Schwarzmeerflotte auf die Krim-Halbinsel verlegen lassen. Dass diese Taktik der Russen nicht neu ist, wenn es darum geht, ehemalige Sowjet-Republiken, die nach dem Zerfall der Sowjet-Union sich an den Westen binden wollten, daran zu hindern, wurde zuletzt an der Besetzung Georgiens demonstriert und sollte als Abschreckung für alle russischen Nachbarn dienen. Georgien war im Begriff der Nato beizutreten, doch nach gezielten Provokationen an dort lebenden Russen, von wem auch immer, sind russische Truppen in Georgien eingedrungen und haben die prowestliche Regierung entmachtet, ein Beitritt zur Nato war dadurch vom Tisch.

In der Geschichte der Sowjet-Union hat es auch früher solche Aktionen mit immer dem gleichen Vorwand gegeben, die Liste der Beispiele ist lang. Dazu gehören auch die Einmärsche in der sowjetisch-besetzten Zone in Ostdeutschland, in Ungarn und in der Tschechoslowakei. Immer galt es vermeintlich Russen oder russisch-stämmige Bürger zu schützen, tatsächlich aber sollte die russische Einfluss- Sphäre gesichert werden. So ist dies auch jetzt wieder in der Ukraine der Fall. 

Solange Janukowitsch als Statthalter von Putins Gnaden in Kiew die russischen Interessen durchsetzen konnte, gab es keine größeren Störungen unter der ukrainischen Bevölkerung. Die Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim war langfristig durch den Vertrag über die Marinestützpunkte abgesichert und diese Präsenz hat den Bevölkerungsanteil der Russen auf der Krim ständig erhöht. Dass dieser strategische Punkt auch nur ansatzweise gefährdet sein könnte, damit hat man in Moskau überhaupt nicht gerechnet. Wie wichtig die russischen Basen auf der Krim für die geopolitische Strategie Russlands wirklich sind, wird erst klar, wenn man weiß, dass von hier aus nicht nur das gesamte Mittelmeer überwacht, sondern auch der ganze Südatlantik mit Kriegsschiffen befahren wird. 

Die russische Marinebasis in Syrien wäre ohne den Rückhalt von der Krim gar nicht denkbar. Wie man sieht ist die Ukraine mit der Halbinsel Krim für die gesamte weltumspannende Militärstrategie der Russen von nahezu elementarer Bedeutung. Dies ist auch der Grund, warum Putin mit allen möglichen Mitteln versuchen wird, das Abtriften der Ukraine nach Westen zu verhindern. Dabei sind ihm fast alle Mittel Recht, wie man in den letzten Stunden erleben durfte. Gegen den Stationierungsvertag hat er seine Truppen aus den Militärstützpunkten unmittelbar gegenüber ukrainische Kasernen auffahren lassen, sodass beide Kampfeinheiten sich Aug in Aug gegenüberstehen, die Ukrainer hinter den Kasernentoren und die Russen davor. 

Derweil haben militärische Einheiten, ohne mit militärischen Hoheitszeichen versehen zu sein, die Gebäude der Regionalregierung der Krim umstellt, die gewählten Parlamentarier vertrieben und Position auf den umliegenden Straßen bezogen. Selbsternannte russische Freiheitskämpfer, die sich gegen die faschistischen Elemente aus Kiew zur Wehr zu setzen erklären, haben die Befehlsgewalt über die ukrainischen Truppen für sich in Anspruch genommen, ohne jedoch damit die Soldaten auf ihre Seiten ziehen zu können. Außerdem haben sie Putin um Hilfe gebeten, mit Truppen ihnen gegen die Faschisten vom Majdan, so wie sie sich ausdrückten, beizustehen, damit sie weiterhin ihre ethnische Identität in der Ukraine leben können. 

Russisch soll weiterhin neben Ukrainisch Amtssprache bleiben, entgegen der Gesetzesvorlage, die im ukrainischen Parlament eingebracht worden ist, wobei die Abschaffung des Russischen als zweite offizielle Sprache beschlossen werden sollte. Zum Schluss wurde gar die Abspaltung der Ostukraine mitsamt der Krim gefordert, diese Gebiete sollten insgesamt an Russland angegliedert werden. Putins Antwort hat nicht lange auf sich warten lassen. Vom Parlament hat er sich die Vollmacht geben lassen, sofort in die Ukraine einzumarschieren, wenn dort Russen attackiert werden sollten. Alles wie gehabt, alles nach althergebrachtem Muster. 

Seither wartet der Präsident auf entsprechende Vorfälle auf der Krim, auf das Zeichen loszuschlagen. Derweil erklärt der russische Ministerpräsident Medwedew, dass eine Befreiung der gesamten Ukraine durchaus eine Option ist. Dabei würde es sich nicht mehr nur um die Abspaltung der östlichen Teile der Ukraine handeln, sondern dies wäre im völkerrechtlichen Sinne eine Okkupation, die sofort die UN auf den Plan bringen müsste. Die ukrainische Übergangsregierung hat unmittelbar auf die russischen Provokationen die USA, die europäischen Staaten und die Nato um Beistand gebeten, damit ihre Unabhängigkeit gewährleistet ist. Obama und Außenminister Kerry haben Russland mit unverhohlener Schärfe vor weiteren Schritten gewarnt und die russische Administration aufgefordert, die Souveränität der Ukraine zu akzeptieren und die militärischen Einheiten in die Kasernen zurück zu beordern. Innerhalb weniger Stunden war der "Kalte Krieg" wieder zurückgekehrt, zumindest in sprachlicher Form. Wie es momentan weitergehen wird, weiß zunächst niemand. 

Die Fronten sind verhärtet, die Lage ist zum Zerreißen gespannt und jederzeit kann ein kleiner Funke, sprich eine unbesonnene Aktion von beiden Seiten des militärischen Gegenübers zum Ausbruch größerer Kriegshandlungen führen. Damit wäre der Krieg zwischen der Ukraine und Russland in vollem Gang, mit unübersehbaren Folgen für ganz Europa und vielleicht darüber hinaus. In der Ukraine ist seit einigen Stunden die Mobilmachung ausgerufen worden, was auch nicht unbedingt zur Deeskalation beiträgt. Wer sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts etwas auskennt, der sieht ganz deutlich die Parallelen zu der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg 1914. 

Auch hier hat es Interessenkonflikte zwischen den damaligen Großmächten gegeben und allein das Attentat auf Erzherzog Ferdinand von Österreich in Sarajewo hat dazu geführt, dass ganz Europa in den Ersten Weltkrieg gestürzt worden ist, mit den bekannten schlimmen Folgen. Fakt ist, dass in dem jetzigen Konflikt sich erneut große machtpolitische Interessen gegenüberstehen. Die Lage Russlands wurde soeben hinreichend beleuchtet. Auf westlicher Seite stehen die USA und die EU. Putin will einen eurasischen Wirtschaftsverbund aufbauen, als Gegengewicht zu der gerade angestrebten Freihandelszone der Amerikaner und Europäer. Dabei spielt die Ukraine für ihn die wichtigste Rolle nach Westen überhaupt. Sie jetzt zu verlieren, würde dieses Projekt massiv schwächen, wenn nicht sogar scheitern lassen, denn andere Nachbarstaaten weiter östlich könnten auf ähnliche Ideen kommen und ihre wirtschaftlichen Chancen auch nach westlichem Vorbild suchen. 

Wenn man dies alles in Betracht zieht, wird klar, dass die Lage momentan mehr als schwierig ist, unabhängig von der direkten militärischen Konfrontation. Das oberste Gebot heißt nun besonnen zu bleiben, mit viel Geschick und Diplomatie zunächst die Chance für Gespräche zwischen Putin und der westlichen Allianz zu suchen, ohne dabei die einzelnen Interessen innerhalb der Ukraine zu vernachlässigen. Es muss doch möglich sein,  im 21. Jahrhundert einen vernünftigen Interessensausgleich in Europa zustande zu bringen, wobei alle Seiten berücksichtigt werden. Bei der heutigen Vernetzung der globalen Welt scheint es doch völlig absurd, Probleme mit den Mitteln des 19. und 20. Jahrhunderts anzugehen. 

Krieg, die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln sollte als Dogma ausgedient haben und durch Vernunft und Weitblick ersetzt worden sein. Ob dies in Europa mittlerweile so ist, werden uns die kommenden Ereignisse zeigen, es ist allen Beteiligten nur zu wünschen. 

Peter J. König

Samstagskolumne Peter J. König 22.02.2014

Eine friedliche Lösung für die Ukraine kann nur in einem gemeinsamen Erfolg von EU, Russland und den USA liegen. 

So schnell wird Geschichte fortgeschrieben. Was eben noch langwierig bis unmöglich schien, ist binnen weniger Stunden eingetreten. Wer hat geglaubt, dass nach dem Kompromisspapier zwischen Janukowitsch, dem amtierenden Präsidenten der Ukraine und dem Oppositionsbündnis in Kiew, entstanden unter tatkräftiger Mithilfe der drei Außenminister von Frankreich, Polen und Deutschland, es nur wenige Stunden dauern würde, bis das Terrorregime des Despoten Victor Janukowitsch ein jähes Ende finden würde ?

Kaum war das Abkommen unterschrieben, das ihn noch immer bis Ende des Jahres im Amt verbleiben lassen sollte, begann er auch schon sein Luxusdomizil, die berüchtigte Meschihirija, einen Landsitz außerhalb von Kiew, der schwer bewacht, mehr einem sowjetischen Disneyworld ähnelt, mit Hilfe zahlreicher Lkws zu räumen. Er selbst hat sich mit dem Hubschrauber in den Osten des Landes ausfliegen lassen, bei Nacht und Nebel, ohne ein Ziel anzugeben. Der Diktator hat sich aus dem Staub gemacht und seine Schätze mitgenommen. Zurück blieb allerdings eine Unzahl von Dokumenten, nicht alles konnte vor der überstürzten Flucht vernichtet werden. 

Es war eng für Janukowitsch geworden. Im Laufe des letzten Samstags, nachdem in der Nacht das Parlament verschiedene Gesetze verabschiedet hatte, die die Macht des Präsidenten einschränkte, da die alte Verfassung wieder eingesetzt wurde, die verhafteten Oppositionellen sofort freisprach und die ehemalige Präsidentin Julia Timoschenko aus der Haft entließ, haben sich Teile der Polizei und der Armee auf die Seite der Opposition geschlagen. Das Machtgebilde Janukowitsch bröckelte zusehends. Der Diktator wird sich wohl an das unrühmliche Ende von Rumäniens Despot Ceaucescu erinnert haben, er wollte nicht so wie dieser mit einer Kugel im Kopf in einem Kellerverließ enden. Deshalb hat er sich aus dem Staub gemacht.

Immerhin kann er sich mit Hunderten von Millionen Euro, die er für sich und seine Familie dem ukrainischen Volk abgepresst hat, überall auf der Welt ein Leben in Luxus leisten. Wozu also noch ein Risiko eingehen? Außerdem war ihm klar geworden, dass er den Rückhalt bei Putin verloren hat. Auch seine Oligarchenfreunde haben ihn fallen lassen, die marode Wirtschaft ist ihren Geschäften nicht mehr zuträglich. Somit war es höchste Zeit zu verschwinden. Derweil machte sich das Volk am Samstag auf den Weg, um sich selbst zu überzeugen, was hinter den hohen Mauern der schwerbewachten Privat-Datscha ihres kommunistischen Schlächters, der brutal die Menschen auf dem Majdan von Scharfschützen ermorden ließ, abging. 

Einige heimlich aufgenommene Bilder von diesem Luxusanwesen waren schon ins Internet gelangt, jetzt wollte man selbst sehen, was es damit auf sich hat. Nachdem die Wachen sie nicht mehr aufhielten, sie waren ebenfalls zur Opposition übergelaufen, bot sich den Menschen ein Bild von nie vermutetem Luxus. In einem riesigen gepflegten weitläufigen Park, der viele Hektar umfasst entlang des Dnjepr, dem Fluss an dem auch Kiew liegt, gibt es mehrere Golfplätze, einen Privatzoo mit exotischen Tieren und in einer Bucht des Dnjepr liegt der Nachbau einer spanischen Galeone, die als Bar und Tanzpalast diente. Großzügige Orangerien und Gewächshäuser bilden ein Ensemble mit dem Hauptsitz und verschiedenen weitläufig verstreuten Gästehäusern. Und alles strotzt vor Prunk und Protz. 

Sowjetische Großmannssucht ist unverkennbar. Ergänzt wird das Ganze durch die Sammlungen von Luxuskarossen, Yachten und Hubschraubern, Swimmingpools und Saunen, künstlichen Grotten und Teiche, dazu Gartenarchitektur, die den Vergleich mit englischen Landsitzen nicht zu scheuen braucht. Dieses alles bekamen die Menschen zu Gesicht vor dem Hintergrund ihres eigenen wirtschaftlichen Niedergangs, der herrschenden Korruption und dem drohenden Bankrott ihres Landes. Im Gegensatz zu anderen Revolutionen im Ostblock haben sich die Ukrainer allerdings diese Anhäufung von kaltem Luxus aus Gold sehr diszipliniert angesehen, ohne in einem ersten Anfall von Wut alles kurz und klein zu schlagen. Doch konnten sie hautnah miterleben, wie maßlos sich hier bereichert wurde. Mittlerweile sind auch Janukowitschs Getreue von ihren Ämtern zurückgetreten. Auch ihnen ist der Boden zu heißgeworden, sie sind nicht gewillt ihren Kopf für das Regime hinzuhalten. 

Doch was bedeutet dieses nun für die Ukraine und wie wird es dort weitergehen? Eines muss vorweg gesagt werden: Zwar ist Janukowitsch vertrieben, dies bedeutet aber noch lange nicht, dass damit das Land nunmehr sich demokratisch stabilisieren wird. Die Opposition auf dem Majdan war auch bisher nie eine geschlossene Vereinigung von Regime-Gegnern. Alle möglichen Gruppierungen haben sich dort eingefunden, von friedlich demonstrierenden Bürgern, über europaorientierte demokratische Parteianhänger der Mitte, dazu starke nationalistische Kräfte mit rechtsradikalen Parolen bis hin zu gewaltbereiten Hooligans aus der Fußball Szene. Trotz aller Appelle war es Vitali Klitschko schon während den Demonstrationen auf dem Majdan nicht gelungen die Radikalen in den Griff zu bekommen. Sie alle hat nur ein Ziel zusammen gehalten, nämlich der Sturz Janukowitschs. 

Nur mit Mühe und mit Hilfe des polnischen und deutschen Außenministers war es überhaupt gelungen die Rechtsradikalen und Nationalisten zur Unterschrift unter das Kompromisspapier mit Janukowitsch zu bewegen. Für diesen Erfolg wurde Klitschko anschließend auf dem Majdan ausgebuht, ihm wurde angekreidet, dass er Viktor Janukowitsch nach der Unterschrift den Handschlag nicht verwehrt hatte. Fakt jedoch ist, dass diese Unterschrift das schnelle Ende des Despoten gebracht hat. Trotzdem ist die Lage in Kiew und in der Ukraine sehr instabil. Sofort nach ihrer Entlassung aus der Haft hat Julia Timoschenko bei ihrem Auftritt auf dem Unabhängigkeitsplatz ihren Anspruch auf das Präsidentenamt artikuliert, wenn es im Mai zur Wahl eines neuen Parlaments und eines Präsidenten kommt. Bis dahin wurden die Ämter der Interimskandidaten sowohl beim Parlamentsvorsitz, als auch bei der Präsidentschaft von engsten Vertrauten Timoschenkos besetzt.

Viele Menschen sehen darin keinen Fortschritt in der Ukraine. Sie sind überzeugt, dass mit den alten politischen Kräften, wie sie auch heißen mögen, ein wirklicher politischer Wandel, die Bekämpfung der Korruption, die Belebung der Wirtschaft und ihre Stabilität zwischen Russland und der EU nicht möglich ist. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Putin für seine Interessen zwar Janukowitsch hat fallen lassen, die Ukraine aber noch lange nicht. Noch immer will er das Land in seinen eurasischen Wirtschaftsverbund eingliedern, zum uneingeschränkten Nutzen von Russland und seinen Ansprüchen wieder zu den Großmächten zu zählen. Zudem haben die Menschen in der Ukraine den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg von Julia Timischenko während ihrer Präsidentschaft nicht vergessen. Durch die Ölgeschäfte mit Russland hat sie in dieser Zeit ein Millionenvermögen angehäuft. Viele sind davon überzeugt, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. 

Jetzt nach der zweiten Revolution in der Nach-Ära der Sowjet-Union haben sie die Schnauze voll von allen politischen Gewinnsüchtlern, die primär ihr eigenes Wohl im Focus haben. So wurde auch auf dem Majdan angekündigt, dass man zunächst den Platz nicht räumen wolle, bis eine demokratische neue Regierung im Amt ist, mit einem Präsident, der allein die Interessen des Landes im Auge hat. Sollte dieses nicht möglich sein, wäre man bereit erneut auf die Barrikaden zu gehen. Doch wer bestimmt, was das Wohl des Landes ist?

Neben den genannten Kräften auf dem Majdan kommen bei den nächsten Wahlen die östlichen und südlichen Provinzen, überwiegend unter russischem Einfluss mit ins Spiel. Schon jetzt gibt es dort Strömungen, die das Land spalten wollen, um sich Russland anzuschließen. Ergebnis könnte der Zerfall der Ukraine sein, mit unübersehbaren Folgen. Dieses gilt es unbedingt zu verhindern, auch um die Stabilität in Europa insgesamt zu gewährleisten. Experten sprechen nicht umsonst von der gefährlichsten Lage nach dem Zerfall der Sowjet-Union in diesem Abschnitt der Welt. Da die Machtinteressen Russlands und der westlichen Welt hier unmittelbar aufeinandertreffen, ist es nicht ratsam allein aus geopolitischem Machtzuwachs die Russen zu übergehen, gar zu düpieren. 

Eine friedliche Lösung für die Ukraine kann nur in einem gemeinsamen Erfolg von EU, Russland und den USA liegen. Nur wenn alle drei Machtblöcke sich einig sind, geht es wieder aufwärts mit dem Staat und den Menschen in der Ukraine, einem Land, das flächenmäßig das zweitgrößte in ganz Europa ist und irgendwann einmal zur Europäischen Gemeinschaft gehören möchte. Wie es ist eine Sowjet-Republik zu sein, dieses haben die Menschen lang genug erlebt. Sie wollen es nicht noch einmal erleben, die meisten jedenfalls. 

Peter J. König

Samstagskolumne Peter J. König 08.02.2014

Was soll aus Olympia werden, wenn nur noch totalitäre Staaten in der Lage sind, die Spiele zu veranstalten, mit all den Erscheinungen, die so ganz gegen den olympischen Gedanken von Fairness und Toleranz stehen?

Während alle Welt den Blick nach Sotchi auf die olympischen Winterspiele richtet, wo Putin seine imperiale Größe versucht zu demonstrieren, gehen unterdessen die Konflikte, politischen Ränkespiele und militärischen Auseinandersetzungen rund um den Globus weiter. Erfahrungsgemäß treten die Schlagzeilen dieser Ereignisse in den Hintergrund, für gut zwei Wochen hat der Wintersport zuallererst die ganze Aufmerksamkeit für sich. 

Über die Vergabe der Spiele, den Bau der Sportstätten, den politischen Beigeschmack, Korruption und Putin´s Selbstinszenierung wurde im Vorfeld in allen Medien ausführlich berichtet. Nach alledem muss doch ernsthaft hinterfragt werden, ob diese Art von olympischen Spielen es überhaupt noch wert sind, einen solchen Namen zu tragen. Längst sind die Ideale des Gründers der neuzeitlichen Spiele dem Schweizer Baron de Coubertin über Bord geworfen worden. Der Vergleich mit der Olympiade in der Antike war sowieso nie möglich, zu machtbesessen hat sich die Geschichte der Menschheit in der Zwischenzeit entwickelt. 

Allein die Tatsache, dass die Waffen zwischen den Völkern, die sich zum friedlichen, sportlichen Wettkampf in Olympia trafen, während dieser Zeit ruhten, also es keine Kriegshandlungen zwischen den teilnehmenden Völkern gab und dies für einen vielmonatigen Zeitraum, bis die Spiele beendet waren, dieses Ideal konnte in der Neuzeit zu keinem Zeitpunkt erreicht werden. Auch die Tatsache, dass allein der Olympionike im Mittelpunkt des Interesses aller Teilnehmer im antiken Griechenland gestanden hat, beschützt von den Göttern, wurde in der Neuzeit von Anfang an nicht erreicht. Die modernen Spiele entwickelten sich sofort zur Leistungsschau der teilnehmenden Staaten und sie wurden bei der Olympiade 1936 in Berlin endgültig zur Selbstdarstellung Adolf Hitlers und der Nazis auf die perfideste Weise missbraucht. 

Nazi-Deutschland wollte der Welt gegenüber nicht nur Überlegenheit demonstrieren, es sollte auch von den verbrecherischen Aktivitäten gegenüber der jüdischen Bevölkerung und der Despotie gegen das gesamte deutsche Volk ablenken. Diese Form der Selbstinszenierung hat es auch bei späteren Olympischen Spielen gegeben, man denke nur an Moskau, Peking und jetzt in Sotchi. Die Absicht war immer die gleiche. Nach außen hat man sich weltoffen und modern gegeben, bei der Durchsetzung der Spiele aber wurden mit staatlicher Willkür und aller Macht die gigantischen Bauvorhaben ohne Rücksicht auf Betroffene die Projekte erzwungen. Dieses war auch in Sotchi nicht anders. 

Putin ist in den Südkaukasus gefahren und hat vom Fleck weg bestimmt, wohin die Winterspiele gebaut werden. Was kümmerte ihn da die Umweltzerstörung, der Wille der hier lebenden Menschen und der Gigantismus bei der Ausführung, geschweige denn die vielen Milliarden, die hier verpulvert worden sind und letztendlich den Dörfern nicht einmal eine moderne Infrastruktur gebracht haben. Zurück bleiben leerstehende Prunkbauten, die zu nichts mehr nütze sind, oder glauben die Betreiber tatsächlich, dass der russische Geldadel demnächst St. Moritz, Davos, Gstaad, Lech oder St. Anton mit Sotchi tauschen wird, um ihren Wintervergnügungen nachzugehen? Bis dahin haben aber die Initiatoren längst ihre Interessen erreicht. Putin hat seine Macht der ganzen Welt demonstriert, seine Oligarchenfreunde haben Milliarden kassiert und dem russischen Volk im ganzen Riesenreich wurde vor gegaukelt, wie erfolgreich dieses neue Russland unter Putins Führung ist, ganz auf Augenhöhe mit anderen modernen Staaten. 

Aber wären da nicht die oppositionellen Demonstrationen, die Unterdrückung der Homosexuellen, sowie der Journalisten bei der freien Berichtserstattung, ebenso eine fragwürdige Justiz und der fortschreitende Mangel an Rechtsstaatlichkeit, man wäre geneigt zu glauben, Russland hätte sich auf den Weg in die Moderne gemacht. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall, die politischen und demokratischen Errungenschaften, die nach dem Zerfall der Sowjet-Union mit Hilfe von Gorbatschow erreicht worden sind, wurden in der Ära Putin systematisch unterwandert und ausgehöhlt. Da können auch keine noch so imposanten Stadien und Prachtfassaden darüber hinweg täuschen. Die russische Staatsmacht ist allgegenwärtig, wer sich ihr widersetzt, muss mit drastischen Strafen rechnen. Noch immer hat das Individuum in Putins Reich kaum eine Bedeutung. 

Allein sein Wille und das wirtschaftliche Interesse seiner ergebenen Freunde bestimmt, was in Russland passiert. Spätestens jetzt sollte das Olympische Komitee unter der Leitung seines Vorsitzenden Thomas Bach, ebenfalls ein Olympier, der als Fechter die Goldmedaille errungen hatte, sich der Ideen der olympischen Charta zurück besinnen. Olympische Spiele dürfen nicht mehr erkauft werden, nicht mehr auf dem Rücken von nicht bezahlten Bauarbeitern und Sicherheitspersonal stattfinden, deren Arbeitsbedingungen menschenunwürdig sind. Außerdem sollte man nach den demokratischen Spielregeln der Länder fragen, die sich um die Spiele bewerben. Und da bekanntlich der Fisch am Kopf anfängt zu stinken, ist es höchste Zeit, das Internationale Olympische Komitee selbst auf den Prüfstand zu stellen, denn auch hier spielen Korruption, Vetternwirtschaft und persönliche Interessen eine nicht unwesentliche Rolle.

Reform tut Not, denn ansonsten wird sich die immer stärker werdende Ablehnung die Spiele auszurichten weiter verstärken, denn nicht nur in Bayern wurde gegen eine Ausrichtung seitens der Bevölkerung votiert, dies geschah ebenso in Österreich, in der Schweiz und auch in Schweden. Aber was soll aus Olympia werden, wenn nur noch totalitäre Staaten in der Lage sind, die Spiele zu veranstalten, mit all den Erscheinungen, die so ganz gegen den olympischen Gedanken von Fairness und Toleranz stehen?

Dies wäre das Ende von Olympia, das Ende einer Idee eines friedlichen Miteinanders, eines fairen Messens der Jugend der Welt, eines fröhlichen Kennenlernens untereinander und der Chance vielleicht einen Ehepartner zu treffen, so wie dies bei dem weltberühmten Schweizer Tennisspieler Roger Federer der Fall war, der bei den Olympischen Spielen seine spätere Frau, eine tschechische Tennisspielerin, die ebenfalls an der Olympiade teilgenommen hatte, kennen und lieben zu lernen. Wie zu Anfang erwähnt, sollte man sich nicht zu sehr von dem Trubel und der Begeisterung über erreichte Siege der Athleten in Sotchi hinreißen lassen, denn die Politik hat ihre eigene Methode mit diesen Erfolgen umzugehen.

Nicht zum ersten Mal kann es passieren, dass gerade dann wenn die Euphorie ordentlich hoch schwappt, die politisch Verantwortlichen Gesetze verabschieden, die dann kaum beachtet werden, aber zu einer anderen Zeit durchaus kontroverse Diskussionen und Widerspruch ausgelöst hätten. Und dies ist beileibe keine Methode, die deutsche Politiker alleine gerne praktiziert haben. In allen Demokratien greift man auf solche Maßnahmen zurück, denn es ist zu verlockend, auf diese Weise unangenehme Kröten das Volk schlucken zu lassen, wenn es davon kaum Notiz nimmt. 

 Peter J. König