Samstagskolumne Peter J. König 26.04.2014

Neue Eskalation in der Ost-Ukraine. Wo ist das Ende? 

Leider hat sich die Lage in der Ost-Ukraine so zugespitzt, dass zweifellos von einer besonders gefährlichen Situation gesprochen werden muss, so gefährlich wie man sie zwar vor vierzehn Tagen vielleicht erahnen mochte, aber nicht wirklich realistisch eingeschätzt hat. Hauptsächlich scheint man bei den westlichen Regierungen nicht davon ausgegangen zu sein, dass Putin Ernst machen würde, mit seiner expansiven imperialen Politik, um mit Hilfe russischstämmiger Bürger in den ehemaligen Sowjet-Republiken, diese neuen unabhängigen Staaten zu destabilisieren, um so, wenn nicht gleich wie auf der Krim sie zu annektieren, dann aber doch direkten massiven Einfluss zu gewinnen. 

Die sogenannten Boykottmaßnahmen, die von den USA und den Europäern nach der Krimeingliederung gegenüber Russland erhoben wurden, zeigen deutlich, dass die westlichen Führer den Ernst der Lage nicht erkannt, oder ihn zumindest unterschätzt haben. Ihnen war nicht klar, wozu Putin in der Lage ist, denn mit ein paar Einreiseverboten und Kontensperrungen lässt sich ein Mann von dem Kaliber eines Putin auf dem Weg zum Höhenrausch gesteuerten Machtmenschen nicht sonderlich beeindrucken. Die positive Resonanz seines Handelns im eigenen Land wirkt auf ihn dazu noch wie ein Brandbeschleuniger.

Die überwiegend unaufgeklärte Durchschnittsbevölkerung erliegt zudem der medialen Propagandamaschinerie in den offiziellen russischen Medien. Sie verbreiten den vom Kreml vorgegebenen Kurs, die objektive Berichterstattung ist in Russland so gut wie nicht mehr vorhanden, dafür hat Putin schon seit längerem gesorgt. Die freie Meinungsäußerung in den Publikationsmitteln wurde mit aller Macht unterdrückt, sei es durch den Mord an unliebsamen Journalistinnen und Journalisten, sei es durch das Verbot von freien Zeitungen oder Fernsehsendern. Bei den Nazis nannte man so etwas: die Gleichschaltung der Presse.

In Russland heißt das: Kampf gegen die antirussische, vom Westen unterwanderte Hetzpresse, die das freie Russland destabilisieren soll. Allein diese Entwicklung hätte im Westen für ein massives Aufhorchen sorgen müssen, und dies schon seit geraumer Zeit. Doch nichts ist passiert. Die Bundesregierung hat durch ihren Sprecher zwar die Pressefreiheit in Russland angemahnt, aber ansonsten hat man sich versteckt, zu verlockend schienen die Geschäfte mit Russland sich zu entwickeln. Die immer größer werdende Abhängigkeit von russischem Öl und Gas schien auch keinen sonderlich zu beunruhigen, Altkanzler Schröder ist ja eng mit dem"lupenreinen Demokraten" Putin befreundet, was soll uns da  in Deutschland passieren. 

Den Vogel hat Geschäftemacher Schröder jetzt auch noch zum Wochenende abgeschossen, als er auf einer pompösen Nachfeier zu seinem  siebzigsten Geburtstag in St.Petersburg als Ehrengast seinen lieben Freund und Gönner Vladimir auf`s Herzlichste empfangen hat, während sein früherer Kanzleramtschef und heutige Außenminister Steinmeier durch die ehemaligen GUS-Staaten jettet, um ihnen den Beistand der EU gegenüber Putins Expansionspolitik zu versichern. Mit der Zurückhaltung eines "Elder Statesman" hat so etwas aber überhaupt nichts zu tun, dies ist einfach nur instinktlos, oder aber grenzenlos boniert. 

Die hohe Politik muss sich darüber im Klaren sein, dass die Vorgänge in der Ost-Ukraine lediglich ein Versuchsballon für Putin darstellt. Er will hier testen, ob das System der militärischen Unterwanderung sich ähnlich wie schon auf der Krim ohne großen westlichen Widerstand durchsetzen lässt. Dass die westliche Allianz sich militärisch in der Ukraine engagieren wird, dies stand von vorne herein nicht zur Debatte, einen Krieg um die Ukraine würde es nicht geben, das war Putin klar. 

Deshalb konnte er auch relativ gelassen seine Eliteeinheiten auf ost-ukrainisches Territorium schicken, vermummt und ohne Hoheitsabzeichen, was eh völkerrechtswidrig ist. Das Argument, damit die russischstämmige Bevölkerung vor rechtsradikalen Pogromen aus Kiew zu schützen, ist völlig absurd und schon aus dem Grund abwegig, da der überwiegende Teil der Bevölkerung dort entweder russischer Abstammung oder zumindest prorussisch orientiert ist. Zudem ist es Aufgabe der souveränen ukrainischen Polizei solche Ausschreitungen zu unterbinden, falls sie tatsächlich vorgekommen wären. De facto ist jedoch die Ordnungsmacht in der Ost-Ukraine durch russische Eliteeinheiten entmachtet worden, indem sie Polizeireviere gestürmt und die Polizisten entwaffnet haben. Straßenmob, von russischen Agenten angeheuert und von russischen Militärs mit Waffen ausgerüstet, sind die neuen Herren im Land. 

Sukzessive werden militärische ukrainische Einrichtungen belagert und angegriffen, Straßensperren errichtet und westliche Militärbeobachter einer OSZE-Mission, bei der auch vier deutsche Offiziere teilgenommen haben, wie Banditen gekidnappt, um sie später gegen pro-russische Terroristen auszutauschen. Eine rechtliche Grundlage für diese Vorgänge gibt es nicht, allein die starken russischen Verbände, die unmittelbar hinter der ukrainisch-russischen Grenze stehen, ermöglichen diese Gewaltakte. Um den Russen keinen Vorwand zum Einmarschieren zu geben, hat die Übergangsregierung in Kiew auf ein militärisches Eingreifen verzichtet, und wenn eine Straßenblockade einmal mit Gewalt aufgelöst wurde, war sie nach Abzug des ukrainischen Militärs sofort wieder errichtet worden. Dabei hatten sich alle Konfliktparteien in Genf auf einem Gipfel zu friedensstiftenden Maßnahmen und zur Deeskalation verpflichtet, einschließlich der Russen, Europäer und Amerikaner. 

Faktisch ist dieses Übereinkommen aber nicht einmal das Papier wert, auf dem es gedruckt worden ist. Die russischen Provokationen werden systematisch fortgeführt, denn Putin will wissen, wie weit er gehen kann. Außerdem wird er seine klammheimliche Freude daran haben, die relative Ohnmacht der westlichen Staaten zu beobachten, besonders da er Obama offensichtlich dadurch die Stirn bieten kann. Putin glaubt so seinem Ziel, ein wieder erstarktes Russland, mit einer Einfluss Sphäre, ähnlich wie zu Zeiten der Sowjet-Union endlich erneut näher zu kommen. Er versucht mit allen möglichen Mitteln, sich den Traum von der imperialen Weltmacht zu erfüllen. 

Dass dies nicht ohne ein gefährliches Risiko vonstatten geht, zeigt das Beispiel des 1. Weltkrieges, das sich am 1.August zum hundertsten Mal jährt. Damals hat die Ermordung des österreichischen Erzherzog Franz-Ferdinand und seiner Gattin in Sarajewo nicht nur einen Krieg zwischen Österreich und Serbien ausgelöst, sondern zu einem Weltbrand geführt, bei dem Dreiviertel der Menschheit mit insgesamt über 40 beteiligten Staaten sich im Kriegszustand befanden, dabei 10 Millionen, meist junger Menschen das Leben kostete, alte Dynastien hinweg fegte und letztendlich einen ganzen Kontinent traumatisiert zurück ließ. Der daraus resultierende 2. Weltkrieg folgte mit noch schlimmeren Ereignissen, auch den Holocaust darf man dabei nicht vergessen. Deshalb ist es besonders wichtig, bei der Beurteilung der heutigen Lage, sich die Tatsachen aus der Vergangenheit bewusst zu machen. 

So wie die damaligen Herrscher keinen Krieg in Europa gewollt haben, so will auch heute kein verantwortlicher Politiker eine militärische Auseinandersetzung, auch Putin nicht, zumal seine potentielle Kraft begrenzt und seine technische Ausrüstung veraltet ist. Trotzdem muss klar sein, dass Putin ein Machtmensch ist, der bereit ist jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um seine Ziele zu erreichen. Die Zurückhaltung des Westens wird er nicht als das verstehen, wozu es eigentlich dienen soll, nämlich den Konflikt in der Ukraine mit friedlichen Mitteln auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Mit den Aktionen zur Destabilisierung versucht er so etwas wie einen Geländegewinn, um im Vokabular früherer Militärs zu bleiben, damit man sich etwas einverleiben kann, oder aber zumindest größere Verhandlungsmasse hat, wenn es doch darum geht die Einfluss-Sphäre abzustecken. Dass so etwas auch schief gehen kann, zeigt gerade das Beispiel des 1. Weltkrieges ganz deutlich. 

Damit es nicht soweit kommt, muss jetzt unbedingt ein Strategiewechsel herbei. Die westliche Allianz muss neben verstärkten Verhandlungsoffensiven durch strikte wirtschaftliche empfindliche Boykottmaßnahmen zeigen, dass die Zeit des laschen Handelns vorbei ist, denn es kann ja nicht angehen, dass russische führende Politiker die bisher getroffenen Maßnahmen als harmlos und unbedeutend bezeichnen und dies auch so meinen. Dies klingt wirklich nicht nach westlicher Entschlossenheit. Putin weiß genau, dass konsequente wirtschaftliche Maßnahmen gegen ihn auf Dauer ihm nur schaden werden und dass danach Russland sehr viel mehr geschwächt sein wird, als sie es heute sind, mit aktiven Handelsbeziehungen besonders zu Europa. Von hier und aus den USA braucht das Land technische Erneuerungen, moderne Infrastruktur und entsprechendes Know-how. 

Von Öl und Gas alleine werden die Russen nicht satt werden, aber hauptsächlich fehlt ihnen der technologische Quantensprung, der notwendig ist, um wieder zu den führenden Weltmächten zu gehören, eben jenem Traum, den Putin so gerne in die Wirklichkeit umsetzen würde. Dies ist aber nur möglich, wenn er die Chance zur Kooperation erneut sucht und sich nicht in Konfrontation verstrickt. Dies Herrn Putin klar zu machen, ist die dringende Aufgabe der Stunde. Dazu gehören die entsprechenden konsequenten Maßnahmen, wie soeben besprochen, aber auch eine gemeinsame Haltung aller Westmächte, ohne Ansicht ihrer persönlichen wirtschaftlichen Vorteile. Es muss doch möglich sein, aus Europa einen friedlichen Kontinent zu machen, nachdem so vielfach schmerzhaft klar geworden ist, dass wir nur miteinander in Frieden gute Lebensbedingungen schaffen können, ansonsten aber einer sehr ungewissen Zukunft entgegen gehen. 

Peter J. König

Samstagskolumne Peter J. König 05.04.2014

Hat die Ukraine die Chance als Staat in der bestehenden Form weiter zu existieren oder wird es zu einem Zerfall kommen?

Da mittlerweile mehrere Wochen in der Krise um die Ukraine ins Land gegangen sind, wird es Zeit, sowohl eine Bestandsaufnahme durchzuführen, als auch eine Prognose zu wagen. In welch atemberaubenden Tempo Russland die Krim annektiert hat, mit welchen Mitteln Putin dabei vorgegangen ist, ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Verbindlichkeiten, hat den erfahrenen Beobachter mehr als verblüfft. Genau so erschreckend war die Hilflosigkeit der Ukraine selbst, aber auch die Unfähigkeit der Europäischen Länder geschlossen, mit einer Erfolg versprechenden Strategie darauf zu antworten. Grundsätzlich sind folgende Anmerkungen zu der Krim zu machen: Ursprünglich wohl russisches Kernland, nachdem Katharina die Große, dieses Tartaren Gebiet dem großrussischen Reich durch Eroberung angegliedert hat, wurde von Nikita Chrustschow, dem damaligen Kreml-Führer die Krim im Zuge eines großzügigen Akts der Sowjet-Republik Ukraine Anfang der 1950iger Jahre zugewiesen. 

Völkerrechtlich dürfte dies kein Problem gewesen sein, denn diese Angliederung fand auf dem Territorium der damaligen Sowjet-Union statt. Erst mit dem Zerfall dieses Machtblockes und der Tatsache, dass danach unabhängige Staaten aus den ehemaligen Sowjet-Republiken entstanden sind, mit all den hoheitsrechtlichen Voraussetzungen, die einem souveränen Staat eigen sind, ist für die Ukraine relevant. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine, der Anerkennung durch Russland, auch was das Staatsgebiet anbetrifft, einschließlich der Krim, ist das territoriale Gebiet völkerrechtlich klar definiert und ist damit Teil der Ukraine. Dies wurde auch dadurch bestätigt, dass die Basen der russischen Schwarzmeerflotte durch einen regulären Pachtvertrag mit dem ukrainischen Staat auf 25 Jahre vereinbart worden ist. 

Was jetzt in den letzten Wochen auf der Krim sich abgespielt hat, fällt eindeutig in die Kategorie Völkerrechtsverletzung. Nicht nur das Einmarschieren bewaffneter Truppen, deren Zugehörigkeit offiziell nicht erkennbar war, da sie keine Hoheitszeichen trugen, ist dennoch eine Grenzverletzung, da sie von Russland auf die Krim geschickt worden sind. Rechtlich wäre es legitim gewesen, wenn die ukrainischen Polizeikräfte auf der Krim diese Okkupanten mit Mitteln der Gewalt dingfest gemacht hätten, schließlich haben sie nicht nur die öffentliche Ordnung und Sicherheit verletzt, sondern auch die gewählten Abgeordneten des Regionalparlaments bedroht, sodass diese Reißaus genommen haben. Das Eingreifen der Polizei wäre rechtsstaatlich opportun gewesen, faktisch aber nicht durchführbar, da sie den Panzern und der Truppenstärke hoffnungslos unterlegen waren. 

Selbst wenn ukrainisches Militär aufgefahren wäre, hätte das Kräfteverhältnis für die Ukraine außerordentlich schlecht ausgesehen. Dies hatten die russischen Militärs genau auskalkuliert, denn chancenlos gegen sie eine militärische Gegenaktion zu starten, dies trauten sie den ukrainischen Generälen auf der Krim in keinem Fall zu, wo man auch noch gemeinsam die sowjetische Generalstabsschule absolvierte. Folglich hatten die russischen Besatzer nichts zu fürchten, denn ein Krieg zwischen der Ukraine und Russland wäre der größte anzunehmende Gau gewesen, der Osteuropa hätte passieren können. 

In der Folge wurde binnen einer Woche ein Referendum über den Verbleib der Krim bei der Ukraine oder dem Anschluss an Russland organisiert. Internationale Wahlbeobachter waren bei diesem Urnengang nicht zugelassen. Zudem hat die russisch-stämmige Bevölkerung massiv auf Menschen vor Ort Druck gemacht, mit groß angelegten prorussischen Demonstrationen sollten die Befürworter für den Verbleib bei der Ukraine eingeschüchtert werden. Am Wahltag selbst soll es auch zu Unregelmäßigkeiten bei der Wahl gekommen sein, vor den Wahllokalen der Krimtataren, traditionell mit Kiew verbunden, kam es vermeintlich zu massiven Behinderungen. 

Entsprechend fiel das Ergebnis aus, denn mit angeblich überwältigender Mehrheit sollen sich die Wähler für den Anschluss an Russland entschieden haben. Ist diese Wahl nun völkerrechtlich verbindlich oder nur ein erneuter Versuch von Manipulation, wie man sie aus den Tagen der alten Sowjet-Union regelmäßig vorgeführt bekam? Tatsächlich hatte dieser Urnengang nichts mit einer freien Wahl zu tun, wie sie das internationale Völkerrecht vorschreibt. Nachdem das gewählte Regionalparlament unter dem massiven Militärdruck das Weite gesucht hatte, wurde es von selbsternannten politischen Führern als aufgelöst erklärt. Natürlich handelte es sich bei diesen neuen Machthabern um Vasallen von Putins Gnaden, die sich der russischen Militärhilfe sicher sein konnten. 

Die Personen selbst sind von obskurer Herkunft, politisch waren sie zuvor nie in Erscheinung getreten. Sie waren es auch, die Putin baten in die russische Föderation aufgenommen zu werden, um so die russischen Bewohner auf der Krim zu schützen, vor den vermeintlichen Übergriffen der rechtsradikalen Schlägerbanden aus Kiew. Putin entsprach diesem Wunsch auch prompt, verlangte aber dieses ominöse Referendum, um der Welt vorzugaukeln, dass der Anschluss der Krim völkerrechtlich einwandfrei vonstattengegangen ist. Weder die Wahlen waren korrekt, noch hat es überhaupt eine völkerrechtliche Legitimation dazu gegeben. So schnell wie die Besetzung der Krim durchgeführt wurde, ist dann auch die Annexion zustande gekommen. 

Beide Kammern der Duma, dem russischen Parlament haben wenige Tage nach der Scheinwahl und dem Anschlussersuchen mit nur einer Gegenstimme diesen Antrag gebilligt und schon war die Krim wieder russisch. Die Bewohner erhielten russische Pässe, der Rubel wurde zum offiziellen Zahlungsmittel erklärt, Putin hat die Renten verdoppelt und dem ukrainischen Militär klar gemacht, entweder die russische Uniform anzuziehen oder die Krim in wenigen Tagen zu verlassen, wenn sie nicht eingesperrt werden wollten. So sieht eine unblutige Okkupation aus, die aber mit dem Völkerrecht überhaupt nichts zu tun hat. 

Die UN hat dies auch mit überwältigender Mehrheit angeprangert, ja selbst China hat sich diesem Antrag nicht entgegengestellt. Man fragt sich nun, was haben die Europäischen Staaten und die USA während dieser vierzehntägigen Aktion um die Krim unternommen, um ihre Garantien für die gesamte Ukraine zu erfüllen, die sie einst mit Russland gemeinsam abgegeben haben, damit die dort stationierten Atomwaffen verschrottet werden konnten? Außer ein paar wachsweichen Appellen an Putin, das Militär von der Krim abzuziehen, war von den westlichen Regierungen nichts zu hören und zu sehen. Putin musste gar den Eindruck haben, man hat sich weltweit mit seiner Krim-Aktion abgefunden, große politische Zerwürfnisse würden deshalb nicht entstehen.

Dies änderte sich erst, als auch noch massive Truppenbewegungen in Richtung ukrainisch-russische Grenze einsetzten und in der Ostukraine, ähnlich wie zuletzt auf der Krim prorussische Demonstrationen stattfanden, bei denen ebenfalls der Beitritt zu Russland gefordert wurde. Außerdem gab es handfeste Auseinandersetzungen zwischen diesen Demonstranten und der ukrainischen Polizei, sodass mit einem möglichen Einmarsch der an der Grenze stationierten russischen Truppen gerechnet werden konnte. Dies ließ die westlichen Staaten im ehemaligen Ostblock, wie Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei, aber auch die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen nicht mehr ruhig schlafen. Wenn sie in der Nato waren, forderten sie verstärkte Sicherheitsmaßnahmen gegenüber Russland. Jetzt erst begann so etwas wie ein Strategiewandel gegenüber Putin. 

Von wirtschaftlichen Sanktionen der EU und den USA war die Rede und Russland wurde bei dem soeben stattgefundenen Gipfel der stärksten Wirtschaftsnationen, ehemals G8, nicht eingeladen. Jetzt erst zeigten sich erste wirtschaftliche Reaktionen, die das Land empfindlich trafen. Binnen weniger Tage wurde Kapital von an die hundert Milliarden Euro aus Russland transferiert, Investitionen größeren Ausmaßes wurden von ausländischen Unternehmen gestoppt. Zur Modernisierung braucht das Land unbedingt westliches Know-how und ebenso Kapital. Außerdem werden industrielle Güter aus den europäischen Staaten, allen voran aus Deutschland und Frankreich, aber auch aus den USA benötigt. 

Die lebensnotwendigen Devisen erhält Russland durch Export von Öl und Gas, wenn es hier zu Lieferausfällen kommen würde, weil die westlichen Staaten einen Boykott beschließen, wäre Russland in kürzester Zeit pleite, mit unabsehbaren Folgen für das Land und die Menschen. Zwar hätten die meisten Länder in Europa ebenfalls ein Problem mit der Energieversorgung, diese ließen sich aber mit Hilfe der USA und den Golfstaaten lösen. Dass es mittlerweile zu ersten Verhandlungen zwischen Russland und den USA auf der Ebene der beiden Außenminister gekommen ist, zeigt, dass Putin anfängt seine Haltung zu überdenken, zumindest was die Ostukraine betrifft. 

Zwar fordert Obama weiterhin die Herausgabe der Krim an die Ukraine, aber realpolitisch läuft da nichts mehr, für einen langen Zeitraum wird die Krim zu Russland gehören. Und noch ein Faktor dürfte mit ausschlaggebend sein, dass der russische Präsident seine Träume, ein großrussisches Reich à la Sowjet-Union zu errichtet, zügelt. Es sind die Oligarchen unter seinen Freunden, die fürchten, dass ein Wirtschaftsboykott ihnen massiv schaden wird, da im Ernstfall Hunderte von Milliarden Euro, Dollar und Pfund Sterling, die sie in den westlichen Ländern deponiert und investiert haben, vielleicht zwar nicht verloren, aber zumindest für den Zeitraum des Boykotts blockiert wären und Ihnen nicht zur Verfügung stünden. 

Dieses würde die Herren schon mächtig verärgern, was bedeutet ihnen dazu im Gegensatz die Ostukraine, die ja eh wirtschaftlich von wenigen ukrainischen Oligarchen beherrscht wird. Momentan verharrt der Konflikt in abwartender Haltung, wobei davon auszugehen ist, dass hinter den Kulissen eifrig gepokert wird. Putins Popularität im eigenen Land ist durch die Annektierung der Krim sprunghaft angestiegen, momentan ist er so stark wie selten zuvor. Sein früherer Plan einer Wirtschaftsunion mit der Ukraine ist in weite Ferne gerückt, denn es ist davon auszugehen, dass nach den Präsidentschaftswahlen im Mai in Kiew, der neue Präsident oder die neue Präsidentin die Ukraine näher an die EU führen wird. Störfeuer gegen diese Entwicklung sind seitens Putin immer noch jederzeit möglich. Ob dann noch das Land in der gleichen Form bestehen wird hängt davon ab, welche Integrationsbemühungen zwischen den ethnischen Gruppen im Osten der Ukraine gelungen sind und wie mit Russland geklärt worden ist, ob die NATO bis an die südwestlichen Grenzen Russlands sich ausdehnen kann oder ob sich die Ukraine als ein Bindeglied zwischen der EU und Russland versteht und auf eine Mitgliedschaft in der NATO verzichtet. 

 Peter J. König

Samstagskolumne Peter J. König 01.03.2014

Stehen wir am Vorabend des Dritten Weltkrieges oder wird die Vernunft doch noch siegen?

Es war nur ein kurzes Glücksgefühl, das die Menschen in Kiew auf dem Majdan und in der Westukraine erleben durften. Kaum waren die wehrlosen Opfer der Scharfschützen des Innenministeriums auf dem Unabhängigkeitsplatz in ihren offenen Särgen durch eine vieltausendfache Menge von Trauernden hindurch getragen worden, da trifft das Land eine noch weit größere Bedrohung, dessen Ausmaß aktuell nicht übersehen werden kann. 

Jederzeit ist es möglich, dass Putin einen Krieg gegen die Ukraine führt, militärisch, seine Propagandaoffensive hatte ja bereits unmittelbar nach dem Verschwinden Janukowitschs begonnen. Unter dem Vorwand die russischstämmige Bevölkerung vor rechtsradikalem Terror schützen zu müssen, der von der neuen Übergangsregierung systematisch auf der Krim und in der Ostukraine betrieben würde, hat er Soldaten, gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber aus Russland zu den russischen Stützpunkten der Schwarzmeerflotte auf die Krim-Halbinsel verlegen lassen. Dass diese Taktik der Russen nicht neu ist, wenn es darum geht, ehemalige Sowjet-Republiken, die nach dem Zerfall der Sowjet-Union sich an den Westen binden wollten, daran zu hindern, wurde zuletzt an der Besetzung Georgiens demonstriert und sollte als Abschreckung für alle russischen Nachbarn dienen. Georgien war im Begriff der Nato beizutreten, doch nach gezielten Provokationen an dort lebenden Russen, von wem auch immer, sind russische Truppen in Georgien eingedrungen und haben die prowestliche Regierung entmachtet, ein Beitritt zur Nato war dadurch vom Tisch.

In der Geschichte der Sowjet-Union hat es auch früher solche Aktionen mit immer dem gleichen Vorwand gegeben, die Liste der Beispiele ist lang. Dazu gehören auch die Einmärsche in der sowjetisch-besetzten Zone in Ostdeutschland, in Ungarn und in der Tschechoslowakei. Immer galt es vermeintlich Russen oder russisch-stämmige Bürger zu schützen, tatsächlich aber sollte die russische Einfluss- Sphäre gesichert werden. So ist dies auch jetzt wieder in der Ukraine der Fall. 

Solange Janukowitsch als Statthalter von Putins Gnaden in Kiew die russischen Interessen durchsetzen konnte, gab es keine größeren Störungen unter der ukrainischen Bevölkerung. Die Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim war langfristig durch den Vertrag über die Marinestützpunkte abgesichert und diese Präsenz hat den Bevölkerungsanteil der Russen auf der Krim ständig erhöht. Dass dieser strategische Punkt auch nur ansatzweise gefährdet sein könnte, damit hat man in Moskau überhaupt nicht gerechnet. Wie wichtig die russischen Basen auf der Krim für die geopolitische Strategie Russlands wirklich sind, wird erst klar, wenn man weiß, dass von hier aus nicht nur das gesamte Mittelmeer überwacht, sondern auch der ganze Südatlantik mit Kriegsschiffen befahren wird. 

Die russische Marinebasis in Syrien wäre ohne den Rückhalt von der Krim gar nicht denkbar. Wie man sieht ist die Ukraine mit der Halbinsel Krim für die gesamte weltumspannende Militärstrategie der Russen von nahezu elementarer Bedeutung. Dies ist auch der Grund, warum Putin mit allen möglichen Mitteln versuchen wird, das Abtriften der Ukraine nach Westen zu verhindern. Dabei sind ihm fast alle Mittel Recht, wie man in den letzten Stunden erleben durfte. Gegen den Stationierungsvertag hat er seine Truppen aus den Militärstützpunkten unmittelbar gegenüber ukrainische Kasernen auffahren lassen, sodass beide Kampfeinheiten sich Aug in Aug gegenüberstehen, die Ukrainer hinter den Kasernentoren und die Russen davor. 

Derweil haben militärische Einheiten, ohne mit militärischen Hoheitszeichen versehen zu sein, die Gebäude der Regionalregierung der Krim umstellt, die gewählten Parlamentarier vertrieben und Position auf den umliegenden Straßen bezogen. Selbsternannte russische Freiheitskämpfer, die sich gegen die faschistischen Elemente aus Kiew zur Wehr zu setzen erklären, haben die Befehlsgewalt über die ukrainischen Truppen für sich in Anspruch genommen, ohne jedoch damit die Soldaten auf ihre Seiten ziehen zu können. Außerdem haben sie Putin um Hilfe gebeten, mit Truppen ihnen gegen die Faschisten vom Majdan, so wie sie sich ausdrückten, beizustehen, damit sie weiterhin ihre ethnische Identität in der Ukraine leben können. 

Russisch soll weiterhin neben Ukrainisch Amtssprache bleiben, entgegen der Gesetzesvorlage, die im ukrainischen Parlament eingebracht worden ist, wobei die Abschaffung des Russischen als zweite offizielle Sprache beschlossen werden sollte. Zum Schluss wurde gar die Abspaltung der Ostukraine mitsamt der Krim gefordert, diese Gebiete sollten insgesamt an Russland angegliedert werden. Putins Antwort hat nicht lange auf sich warten lassen. Vom Parlament hat er sich die Vollmacht geben lassen, sofort in die Ukraine einzumarschieren, wenn dort Russen attackiert werden sollten. Alles wie gehabt, alles nach althergebrachtem Muster. 

Seither wartet der Präsident auf entsprechende Vorfälle auf der Krim, auf das Zeichen loszuschlagen. Derweil erklärt der russische Ministerpräsident Medwedew, dass eine Befreiung der gesamten Ukraine durchaus eine Option ist. Dabei würde es sich nicht mehr nur um die Abspaltung der östlichen Teile der Ukraine handeln, sondern dies wäre im völkerrechtlichen Sinne eine Okkupation, die sofort die UN auf den Plan bringen müsste. Die ukrainische Übergangsregierung hat unmittelbar auf die russischen Provokationen die USA, die europäischen Staaten und die Nato um Beistand gebeten, damit ihre Unabhängigkeit gewährleistet ist. Obama und Außenminister Kerry haben Russland mit unverhohlener Schärfe vor weiteren Schritten gewarnt und die russische Administration aufgefordert, die Souveränität der Ukraine zu akzeptieren und die militärischen Einheiten in die Kasernen zurück zu beordern. Innerhalb weniger Stunden war der "Kalte Krieg" wieder zurückgekehrt, zumindest in sprachlicher Form. Wie es momentan weitergehen wird, weiß zunächst niemand. 

Die Fronten sind verhärtet, die Lage ist zum Zerreißen gespannt und jederzeit kann ein kleiner Funke, sprich eine unbesonnene Aktion von beiden Seiten des militärischen Gegenübers zum Ausbruch größerer Kriegshandlungen führen. Damit wäre der Krieg zwischen der Ukraine und Russland in vollem Gang, mit unübersehbaren Folgen für ganz Europa und vielleicht darüber hinaus. In der Ukraine ist seit einigen Stunden die Mobilmachung ausgerufen worden, was auch nicht unbedingt zur Deeskalation beiträgt. Wer sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts etwas auskennt, der sieht ganz deutlich die Parallelen zu der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg 1914. 

Auch hier hat es Interessenkonflikte zwischen den damaligen Großmächten gegeben und allein das Attentat auf Erzherzog Ferdinand von Österreich in Sarajewo hat dazu geführt, dass ganz Europa in den Ersten Weltkrieg gestürzt worden ist, mit den bekannten schlimmen Folgen. Fakt ist, dass in dem jetzigen Konflikt sich erneut große machtpolitische Interessen gegenüberstehen. Die Lage Russlands wurde soeben hinreichend beleuchtet. Auf westlicher Seite stehen die USA und die EU. Putin will einen eurasischen Wirtschaftsverbund aufbauen, als Gegengewicht zu der gerade angestrebten Freihandelszone der Amerikaner und Europäer. Dabei spielt die Ukraine für ihn die wichtigste Rolle nach Westen überhaupt. Sie jetzt zu verlieren, würde dieses Projekt massiv schwächen, wenn nicht sogar scheitern lassen, denn andere Nachbarstaaten weiter östlich könnten auf ähnliche Ideen kommen und ihre wirtschaftlichen Chancen auch nach westlichem Vorbild suchen. 

Wenn man dies alles in Betracht zieht, wird klar, dass die Lage momentan mehr als schwierig ist, unabhängig von der direkten militärischen Konfrontation. Das oberste Gebot heißt nun besonnen zu bleiben, mit viel Geschick und Diplomatie zunächst die Chance für Gespräche zwischen Putin und der westlichen Allianz zu suchen, ohne dabei die einzelnen Interessen innerhalb der Ukraine zu vernachlässigen. Es muss doch möglich sein,  im 21. Jahrhundert einen vernünftigen Interessensausgleich in Europa zustande zu bringen, wobei alle Seiten berücksichtigt werden. Bei der heutigen Vernetzung der globalen Welt scheint es doch völlig absurd, Probleme mit den Mitteln des 19. und 20. Jahrhunderts anzugehen. 

Krieg, die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln sollte als Dogma ausgedient haben und durch Vernunft und Weitblick ersetzt worden sein. Ob dies in Europa mittlerweile so ist, werden uns die kommenden Ereignisse zeigen, es ist allen Beteiligten nur zu wünschen. 

Peter J. König